Raserei (Rollenspielausschnitt)

9. Oktober 2009

Das Gefühl im Bauch war einfach nur lästig, der Hunger hingegen schier unerträglich.
Jeden Abend erwache ich mit diesem Gefühl. Jeden verdammten Abend und dabei hat meine Existenz als Untote gerade erst angefangen.
Ich richte mich auf, schiebe die Haut- und Fleischfetzen in meine Bauchhöhle und wickle mir ein Tuch um den Bauch, verdecke damit das Loch.
Der Hunger brennt und hastig ziehe ich mir einen Pulli über. Endlich bin ich fertig angezogen, ein Seitenblick auf die Gekreuzigte, dann öffne ich die Bunkertür und eile nach oben. Die Nacht fing heute sehr spät an.

Mittsommernacht

Ich gehe sehr schnell die Straße entlang, weg von meiner Zuflucht. Jage nicht vor Deiner Tür…
Es zieht mich in den Wald. Der Hunger nagt, ich sehe Beute unterwegs, aber ich kann nicht jagen. Es zieht mich in den Wald. Ich fühle mich schwach, der Hunger tut weh, aber es zieht mich in den Wald. Es ist dunkel, aber ohne es zu merken schärfe ich meine Sinne. Überlaut raschelt das alte Laub unter meinen Füßen, überlaut knacken kleinere Äste unter meinem Tritt. Aber ich kann sehen wohin ich gehe, renne nicht gegen jeden Baum, stolpere nicht über jeden Hügel. Und dann rieche ich es.

Blut

Der Geruch ist köstlich, er lockt mich. Ich mobilisiere meine Kraftreserven und folge der Duftspur. Unter dem Blutgeruch nehme ich auch Alkohol-Geruch war. Ich renne nun. Mir ist es egal, ob ich gehört werde, ich will nur hin zu der Quelle des köstlichen Geruchs.
Plötzlich bleibe ich stehen und bücke mich. Sind meine Schuhe zugebunden? Ich kontrolliere meine Schuhe. Ja, sie sind zugebunden und ich renne weiter.
Grelles Licht blendet mich, ich reiße meine Arme hoch, schütze meine Augen und nehme zugleich ein Bild von unglaublicher Schönheit war. Nahrung hängt von den Bäumen herab und da wo das Licht herkommt ist der Blutgeruch am intensivsten.

„Schwester Blue, Willkommen zum Mittsommernachtsfest…“ dröhnt es in meinen Ohren. Ich will weniger wahrnehmen.

Blut

Rote Schleier legen sich vor meinen Augen, mein Körper bewegt sich. Ich ziehe mich zurück, sitze in meinem Kopf und mein Körper holt sich Blut. Meine Hände krallen sich in das warme Fleisch eines jungen Mannes. Sie reißen es auf und Blut spritzt. Es füllt meine Kehle.
Keine Gefühle, keine Empfindungen, keine Wahrnehmung. Mein Körper bewegt sich kraftvoll wild und ich sitze im hintersten Winkel meines Kopfes und schaue erstaunt zu.
Ich kann nichts machen nur zuschauen und warten bis es vergeht. Vergeht es überhaupt? Ein Gedanke, der mich ängstigt, doch ich kann ohnehin nichts tun. Nur abwarten und beobachten. Im Augenwinkel seh ich einen abgerissenen Arm fliegen, fast wie in Zeitlupe dreht er sich in der Luft, die Finger seiner Hand zucken und die Armbanduhr blitz im Schein der „menschlichen“ Lampions. Sein Blut spritzt und benetzt mein Gesicht…

Scharfer Schmerz in meiner Brust. Mein Körper eben noch so kraftvoll bricht einfach zusammen. Und ich sitze in meinem Kopf und kann immer noch nichts machen. Ich spüre den Waldboden, sehe Füße. Mein Körper gehorcht mir nicht und ein spitzer scharfer Schmerz sitzt in meiner Brust. Sind meine Schuhe eigentlich zu?.
Ein Gesicht erscheint vor meinen Augen. Es ist das Gesicht von Herbert: „Ruhig, Schwester, ruhig… Auch andere Söhne Kains lechzen nach dem Blut der Kinder Seths.“
Ich möchte antworten, sagen, dass ich ganz ruhig bin, aber meine Zunge liegt schlaff in meinem Mund mit dem köstlichen Geschmack des Blutes. Würde ich noch atmen, würde ich erstmal verschnaufen.
Ich verstehe nicht, möchte fragen, aber ich kann nicht. Herbert verschwindet aus meinem Sichtfeld. Nichtmal meine Augen können sich bewegen, können den Blick schweifen lassen.
Ich spüre einen Strick um meine Waden. Er wird festgezurrt und ich werde auf den Rücken gedreht.
Rittlings setzt sich Herbert auf meine Brust, seine Knie drücken meine Oberarme in den weichen Waldboden. Seine rechte Hand umklammert meine Kehle.
„Ich entferne jetzt den Pflock“
Pflock? Welcher Pflock denn?
Ein Ruck, der Schmerz in meiner Brust wird noch mal kurz heftig, dann ist er weg. Herbert hält mir einen blutigen Ast vor die Augen. Ich habe den Impuls aufzuspringen, Herbert abzuschütteln, doch ich beherrsche mich.
Ich spüre nur wieder Hunger in mir aufsteigen.
Herbert lässt mich langsam los, reicht mir die Hand, damit ich aufstehen kann und führt mich zu einem der vom Baum herabhängenden Menschen.
„Trink noch mal und genieße das Fest…“
Ich bücke mich noch schnell und kontrolliere meine Schuhe.

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